© Leipziger Volkszeitung, 30. Dezember 2004
Winterreise in neue Orte des Gefühls
Knapp ein Jahr nach dem "Spaziergang im Schnee" von Annette Schröter lädt der Kunstverein Panitzsch nunmehr zu einer "Winterreise" mit Bildern von Christl Maria Göthner ein. Doch während damals draußen und drinnen weiße Landschaften und Weltausschnitte zu sehen waren, weist der aktuelle Titel nur wenig auf Bildmotive der Ausstellung hin. Nicht Schnee, Eis, kahle Bäume oder geheizte Stuben sind zu entdecken. Die "Winterreise" der Leipziger Malerin ist auch nicht geprägt von Trauer, Lebensunlust oder Elegie - Göthner stellt sich gelöst, beschwingt und experimentierfreudig vor. Acht Jahre nach ihrem Bild "Freischwimmen" hat sie sich tatsächlich freigeschwommen.
Die 77 großen und kleinen Bilder in Panitzsch stammen alle von 2004. Mischtechnik, Öl auf Leinwand, Acryl, Kohle, Airbrush - die Mittel, die sich die Künstlerin nun greift, sind so vielfältig wie nie zuvor bei ihr. Sie reichen sogar bis ins Elektronische hinein. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten - dem Musiker Stephan König - erstellte sie eine CD-Rom. Darauf bringen beide Musik und Bilder in Einklang. Gedichte von Rilke und Statements der Malerin erlauben zudem Einblicke in ihre Arbeits- und Gefühlswelt.
Auch der Themenfundus der Heisig-Schülerin hat sich erweitert. Kernmotive sind nach wie vor Selbstbildnisse als Akte und Stadtlandschaften. Doch neu sind u.a. die Paarbilder - Selbstbildnisse mit dem Lebensgefährten. Mit ihrer Leichtigkeit und Beschwingtheit und der teilweise breitpinselig zeichnerischen Formulierung berühren sie. Sie zeigen, dass sich die Künstlerin vom Zwang einer vielschichtigen, pastos und reliefartig aufgetragenen Farboberfläche befreit hat.
Eine neue Möglichkeit der Farbe, die sie für sich entdeckt hat, ist deren Reduzierung bis hin zum Weglassen. Freie Hintergründe führen dabei genauso zum Wesentlichen wie in Pochoir-Technik behandelte Motive. Die Untersuchung von Welt, die die Malerin seit mehr als zehn Jahren exemplarisch am Selbstbild unternahm und darin Einsamkeit, Sehnsucht und Verletzungen beschrieb, ist einer Reise in neue Orte des Gefühls gewichen. Das spürt auch der Betrachter. Und vielleicht ist der Ausstellungstitel nicht nach der Jahreszeit und den Bildthemen gewählt, sondern eingedenk Sören Kierkegaards Worten: "Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es vorwärts."
Christine D. Hölzig
Kunstverein Panitzsch, 12. Dezember 2004 bis 23. Januar 2005
Fotos von der Vernissage: Armin H. Kühne.
Eröffnung: Frau Dr. Mayer, kulturelle Umrahmung: Ines A. Krautwurst, Gesang; Stephan König, Klavier und Heinz-Martin Benecke, Schauspieler